Der schweizerisch-koreanische Hersteller Irix hatte dieses Ultra-WW-Objektiv mit 11 mm Brennweite bereits auf der Photokina 2016 gezeigt und die Verfügbarkeit ab März 2017 angekündigt. Offensichtlich sind aber bis heute (Oktober 2017) hierzulande nur recht wenige Exemplare im Handel verfügbar. Die meisten Händler geben jedenfalls unbestimmte Lieferzeiten an oder haben es gar nicht gelistet. Einige bieten das Objektiv deutlich über dem Listenpreis an. Ich habe bei einem großen Online-Versand bestellt und musste etwa sechs Wochen warten. Wenn ihr dieses lest, hat sich die Situation wahrscheinlich längst geändert und das Objektiv ist einfacher zu bekommen.
Den Namen "11mm f/4.0" finde ich ungewöhnlich kurz, Hinweise auf exquisite Glassorten mit besonders niedriger Dispersion oder hohem Brechungsindex sowie Linsen mit asphärischer Formgebung und Kennzeichen einer neuartigen Vergütung der Linsenoberflächen fehlen. Finde ich zunächst gut so – einfach nur "11mm f/4.0". Aber dann kommt es doch noch: Das Objektiv gibt es in den Ausführungen "Firefly" und "Blackstone", je nach Gehäuse-Finish in Kunststoff oder Metall.
Am Vollformat reicht eine Brennweite von 11 mm für einen diagonalen Bildwinkel von 126°! Das hat mich als UWW-Fan absolut fasziniert. Angesichts des moderaten Preises konnte ich den fehlenden Autofokus und die mäßige Lichtstärke verschmerzen, und so schlug ich zu. Mein Exemplar bestellte ich in der Blackstone-Ausführung für etwa 750 Euro. Abgesehen von der festverbauten Streulichtblende aus Kunststoff kommt am Tubus also nur Metall zum Einsatz, was das Objektiv recht wertig erscheinen lässt. Aber das ist sicher Geschmacksache.
Auffällig ist die große weit vorgewölbte Frontlinse, weshalb sich keine Einschraubfilter mit diesem Objektiv verwenden lassen. Auf seiner Rückseite ist jedoch ein Halter für Gelatine-Filterfolien vorhanden.
Auch wenn mit diesem Objektiv von Hand fokussiert werden muss, muss man es nicht vollständig manuell bedienen. Da die Elektronik im Objektiv der Kamera das Vorhandensein des Objektivs anzeigt, kann auch die elektronische Fokushilfe der Kamera genutzt werden. Die Blendensteuerung erfolgt ebenfalls vollautomatisch und die Exif-Daten werden werden auch korrekt gesetzt.
Wie gesagt, bietet das Objektiv keine Autofokusfunktion. Die Einstellung der Entfernung erfolgt über einen breiten, griffigen Fokusring aus Metall mit eingeprägter Riffelung. Der Ring läuft absolut spielfrei und das erfolgt gerade noch nicht zu schwergängig. Dieser Fokusring kann in jeder Position gegen unbeabsichtigtes Verstellen fixiert werden. Der wirkliche Nutzen dieser Funktion erschließt sich mir aber nicht.
Die Unendlichposition des Fokusrings sollte ein paar Millimeter vor seinem Endanschlag liegen. Man spürt ein "Klicken", wenn der Fokusring diese Position erreicht. Bei meinem Exemplar war dies zunächst nicht so. Ab Werk war es so eingestellt, dass die Unendlichposition nicht dort war, wo sie auf dem Fokusring bezeichnet ist, sondern ganz am Endanschlag. Allerdings kann der Fokusring vom Anwender justiert werden und so konnte ich das Manko selbst beheben. Das war allerdings etwas knifflig, zumal die Bedienungsanleitung zu dieser Prozedur auf eine weitere "ausführliche Bedienungsanleitung" verweist, die aber zum Kaufzeitpunkt nicht verfügbar war. Laut Kundenservice müsse diese nämlich noch übersetzt werden und würde bald elektronisch zur Verfügung gestellt. So wurde mir auf meine Nachfrage hin erklärt. Die Sache zog sich dann erheblich weiter hin. Siehe dazu unten unter der Überschrift "Service". Das Justierverfahren beim älteren 15er-Objektiv von Irix verläuft ähnlich, und hier war die "ausführliche Bedienungsanleitung" auch auf der Irix Web-Seite verfügbar, allerdings nur auf englisch ohne weitere Übersetzung. Einziger Unterschied zum 11er: Die Größe des erforderlichen Torx-Schraubendrehers zum Entfernen der Kunststoffkappe ist hier eine andere – T5 und nicht T6. Man sollte unbedingt einen magnetischen Schraubendreher verwenden. Die Arbeit erfordert eine ruhige Hand, und es besteht die Gefahr, dass die Schraube, die den Anschlag fixiert, nach dem Entfernen herunterfällt und irgendwo im Innern des Objektivs "verschwindet" – so auch der Hinweis im "Extended User Manual" des 15ers.
Laut Hersteller ist das Objektiv gegen das Eindringen von Schmutz und Feuchtigkeit geschützt. Das habe ich allerdings nicht überprüft. Naja, aber es gibt mir dennoch irgendwie ein gutes Gefühl.
Irix hat am Objektiv nicht nur Markierungen zur Schärfentiefe für verschiedene Blendenzahlen zwischen 4 und 16 angebracht sondern auch Angaben zur hyperfokalen Entfernung bei eben diesen Blendeneinstellungen. Habe ich so noch nie zuvor gesehen. Wen interessiert das auch schon bei AF-Objektiven. Aber interessant!
Die Beschriftung des Objektivtubus soll im Dunkeln leuchten. Laut Katalogangabe erfordert dieser Fluoreszenz-Effekt aber UV-Beleuchtung. Tatsächlich tut sie dies auch. Aber das ist alles andere als originell. Bei meinen alten Canon-Objektive – auch welchen aus den 80ern konnte ich dies auch feststellen.
Mit etwa 12 cm Länge, 10,5 cm Durchmesser und einem Gewicht von über 800 g gehört das 11mm Irix nicht zu den kompakten Objektiven. Der fordere Objektivdeckel misst etwa 105 mm im Durchmesser und 35 mm in der Höhe. In die Hosentasche passt er somit nicht. Er wird auf die Streulichtblende geklemmt und ist dort etwas wacklig fixiert. Bereits beim ersten "Einsatz" blieb der Deckel ungewollt in der Fototasche zurück als ich die Kamera mit angesetztem 11er herausnahm. Die große Frontlinse ist dann völlig ungeschützt und quasi "zum Greifen nahe". Das gefällt jemandem wie mir, der sonst immer UV-Filter zum Schutz auf seine Objektive schraubt, gar nicht!
Nochmal: Der Deckel misst also rund 105 mm im Durchmesser! Ich habe meine Fototasche für das 11er etwas umgestalten müssen und suche nun nach einer größeren Alternative für die Tasche. Vielleicht hätte Irix auch gleich einen zweiten Frontdeckel mitgeben sollen, falls das Teil einmal ganz verloren geht. Okay, ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag. Beim Rückdeckel hat man das aber so gemacht. Das Objektiv wird mit einem Ersatz-Rückdeckel geliefert.
Der Irix-Kundendienst war in meinem Fall übrigens recht bemüht als ich mich per E-Mail dort gleich nach dem Kauf gemeldet hatte. Bei meinem Objektiv fehlten Bedienungsanleitung und Garantiekarte, wenngleich ansonsten einen unberührten Eindruck machte. Für beides schickte man mir auf meine Anfrage hin umgehend Ersatz per "UPS-Express" inklusive einem Set Gelatine-Filter als Entschädigung für meine Mühe. Man verstand zwar meine auf deutsch verfasste Anfrage, kommunizierte dann aber auf englisch weiter. Bei der "ausführlichen Bedienungsanleitung" (auch "Extended Users Manual") musste man aber passen, da diese, wie ich es oben schon beschrieben habe, noch nicht fertig war.
Update: Auf der Photokina 2018 habe ich dann einmal am Irix-Stand vorbeigeschaut. Der Vertrieb wurde inzwischen aus Polen organisiert. Ich fragte dort nochmals nach der "ausführlichen Bedienungsanleitung" und ja, so hieß es, das Problem sei bekannt, und man werde mir diese Anleitung umgehend per EMail schicken. Ein paar Tage nach der Messe schickte mir die freundlich Mitarbeiterin dann auch tatsächlich eine englischsprachige Entwurfsversion zu. Vielleicht eine Folge meiner Anfrage: Etwa zwei weitere Wochen später stand eine vollständige Version dieses "Extended Users Manual" auf der Irix-Webseite zum Download zur Verfügung – allerdings wie beim 15er auch nur auf Englisch.
| Optik | 16 Linsen in 10 Gruppen |
| Blende | f/4 - f/22 |
| 9 Lamellen | |
| Bildwinkel | 126° / 117° / 95° (diagonal / horizontal / vertikal). |
| Größe | 118 mm x 103 mm (L x D gemäß Herstellerangabe) |
| Gewicht | 880 g mit Deckel |
| 825 g ohne Deckel |
Ich möchte hier meine persönlichen Eindrücke schildern. Einen ordentlichen Test habe ich nicht gemacht. Ich fotografiere lieber. Allerdings möchte ich die Fähigkeiten und Grenzen meiner Ausrüstung kennen. Aus meiner Erfahrung mit UWW-Objektiven weiß ich, dass deren Abbildungsleitung meist nicht ganz auf dem gleichen Niveau von Objektiven im Normal- oder Telebereich liegt. Das Irix 11mm f/4.0 ist einerseits nicht sonderlich teuer, beschränkt sich aber andererseits in der Ausstattung auch eher auf das Nötigste. Was ist nun bei der Abbildungsleistung zu erwarten?
Die Schärfe ist in der Bildmitte bereits bei offener Blende sehr gut, allerdings ist ein deutlicher Abfall an den Bildrändern und insbesondere in den Bildecken erkennbar. Wer mit Blendeneistellungen größer f/8 fotografiert, der sollte dies berücksichtigen. Ab f/8 ist die Bildschärfe im gesamten Bildbereich in Ordnung.
Chromatische Aberration fällt an den Bildrändern und besonders in den Bildecken auf, lässt sich aber am Computer korrigieren. Dies gilt auch für die Vignettierung, die unkorrigiert auch bei f/8 noch gut erkennbar ist.
Die Distorsion beträgt laut Hersteller maximal etwa 3%. Das klingt nach wenig, ist oft jedoch kaum zu übersehen. Meistens stört mich das aber nicht. Ansonsten lässt sich auch dies am Computer leicht korrigieren. Der Hersteller bieten ein Lightroom-Profil zum Download an, das helfen soll, diese Aufgabe sowie die Korrektur der Vignettierung und die Beseitigung der CAs zu erledigen. Das Profil arbeitet aber nicht sonderlich genau. Was bei der CA-Korrektur zu wenig gemacht wird, geschieht bei der Vignettierung zu viel. Also muss noch etwas nachjustiert werden.
Dem etwas älteren Irix 15mm f/2.4 wird eine starke Reflexanfälligkeit nachgesagt. Dies möchte ich für mein 11er nur bedingt bestätigen. Auch mit Sonne im Bild gibt es meist nur erfreulich wenige Reflexe. Gelegentlich überrascht auch das 11er aber dann doch mit deutlichen (und zudem recht farbenfrohen) Reflexen. Davon abgesehen kommt kommt es bei starken Lichtquellen im Bild zu moderater Schleierbildung um diese herum. Seht dazu auch die Bilder im Anschluss, insbesondere die Bildbeispiele in der unteren Reihe.
Das Objektiv erfasst beim KB-Vollformat einen diagonalen Bildwinkel von 126°. Bei einer Aufnahme im Querformat beträgt der vertikale Bildwinkel 95°. Das heißt, dass sowohl der Boden unterhalb der Kamera als auch der Horizont abgebildet werden können und dass dann noch 5° übrig sind. Das erste Bildbeispiel unten zeigt eine Solche Szene: Blick aus dem Fenster auf die Straße, dabei die Kamera hinausgehalten.
Bei extremen UWW-Objektiven tritt bei der Abbildung von Objekten am Bildrand eine Deformation auf, die umso größer ist, je weiter man sich von der Bildmitte entfernt. Genauer gesagt: Die Deformation wird umso größer je größer der Abstandswinkel dieser Objekte zur optischen Achse ist. Dies ist durch die übliche (gnomonische) Abbildungsfunktion bedingt. Fischaugenobjektive verhalten sich da anders. Bei einem 11er-Objektiv am Vollformat führt dies dazu, dass Objekte in den Bildecken gedehnt dargestellt werden und zwar in radialer Richtung etwa 2,2-mal stärker als in tangentialer Richtung! Aus Kreisen werden dann Ellipsen (naja, so ungefähr). Personen, die am Bildrand stehen, erscheinen unnatürlich dick.
| 1/200 s, f/8, EOS 6D, unbearbeitet Man beachte die Vignettierung in den Ecken sowie die Verzeichnung am oberen Bildrand. Der Horizont erscheint merklich gekrümmt. |
Zum Schluss noch ein paar Bilder. Diese hier sind moderat nachbearbeitet. Für ein größeres Bild bitte Anklicken.
Bei den folgenden Aufnahmen wollte ich mich auf das Thema Reflexanfälligkeit konzentrieren. Auch bei Sonne im Bild treten Reflexe gar nicht auf oder fallen kaum störend aus. Allerdings fällt es mir schwer, die Situation bereits bei der Aufnahme einzuschätzen. Ein paar Beispiele:
Das Irix 11mm f/4.0 ist ein Objektiv nicht ohne Ecken und Kanten. Wer mit den beschriebenen Einschränkungen umgehen und leben kann, dem bietet es viel Spaß im UWW-Bereich.